geschrieben von  2014-01-28

Afghanistan: Der Kuchi-Hazara Konflikt

(11 Stimmen)

Die Wurzeln des Konfliktes zwischen Kuchi-Nomaden und Hazara in Zentralafghanistan reichen bis in das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Seit 2007 hat sich der Konflikt um das Weideland in den Provinzen Wardak und Ghazni zunehmend verschärft und mündete immer wieder in gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kuchi und Hazara. Trotz der Mediationsbemühungen von Seiten der afghanischen Regierung und der Vereinten Nationen ist der Konflikt bisher, sowohl rechtlich als auch politisch, ungelöst.

Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rückte der zerfallene Staat Afghanistan in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Doch während der internationale State-Building Einsatz der ISAF-Truppen sowie der Kampf gegen die Aufstandsbewegung und die Taliban die Berichterstattung seit nunmehr 12 Jahren dominieren, erhält der Konflikt zwischen den Kuchi-Nomaden und Hazara kaum mediale Aufmerksamkeit – und dies, obwohl die zunehmende Eskalation des Konfliktes in den vergangenen Jahren nicht nur negative Folgen für die betroffenen Bevölkerungsgruppen beider Seiten hervorruft, sondern auch ein hohes Destabilisierungspotential für die gesamte Region birgt.

Hazara und Kuchi-Nomaden gelten in Afghanistan in ökonomischer, sozialer und politischer Hinsicht als marginalisiert.

Die Hazara stellen mit etwa neun Prozent der afghanischen Bevölkerung eine ethnische Minderheit dar. Als Schiiten sind sie im überwiegend sunnitischen Afghanistan auch eine religiöse Minderheit. Die Kuchi sind mehrheitlich paschtunische Nomaden, die jedes Jahr im Frühjahr auf der Suche nach Weideland mit ihren Herden in das afghanische Zentralhochland ziehen, welches in den mehrheitlich von Hazara bewohnten Provinzen liegt. Sowohl die Bevölkerungsgruppe der Hazara als auch die der Kuchi-Nomaden gelten in Afghanistan in ökonomischer, sozialer und politischer Hinsicht als marginalisiert. Der Konflikt und insbesondere dessen Intensitätszunahme in den vergangenen Jahren sind somit auch vor diesem sozio-ökonomischen Kontext zu betrachten.

Die Wurzeln des Konfliktes reichen zurück bis in die Herrschaftszeit von Abdur Rahman Khan Ende des 19. Jahrhunderts. Um die Kontrolle des Regimes über die von Hazara dominierten Gebiete Zentralafghanistans zu sichern, wurden unter Rahmans Herrschaft viele Hazara getötet, vertrieben oder enteignet. Das Weiderecht in diesen Gebieten wurde zu großen Teilen den Kuchi-Nomaden zugesprochen. Dieses Recht stellt einen der zentralen Faktoren im andauernden Kuchi-Hazara-Konflikt dar: Bei ihren gegenwärtigen Ansprüchen auf das Weideland im Zentralhochland berufen sich die Kuchi auf dieses historische Weiderecht. Die Hazara stellen die Gültigkeit der Übertragung dieses Weiderechts jedoch in Frage, insbesondere auch, da dieses unter der Herrschaft Habibullahs, dem Nachfolger Rahmans, teilweise widerrufen wurde. Unter den darauf folgenden Regimen verfestigte sich der Konflikt zunehmend.

Seit 2007 hat sich der saisonale Konflikt um Weideland und subnationale Vorherrschaft verschärft.

Insbesondere seit 2007 hat sich der saisonale Konflikt, der in den vergangenen Jahren (mit Ausnahme des Jahres 2009) jährlich im Frühjahr und Sommer zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kuchi-Nomaden und sesshaften Hazara führte, zunehmend verschärft.  Zum einen handelt es sich bei dem Konflikt um einen Ressourcenkonflikt, denn im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen die konkurrierenden Ansprüche auf das Weideland, vor allem in den Provinzen Wardak und Ghazni. Der Zugang zu diesen ländlichen Gebieten ist vor dem Hintergrund der schwachen sozio-ökonomischen Positionen beider Gruppen und der damit einhergehenden größeren Verwundbarkeit gegenüber externen Schocks von enormer Bedeutung. Während die Kuchi das Land als Weideland für ihre Herden benötigen, sind die Hazara zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage auf die Kultivierung dieser Flächen angewiesen. Zum anderen bildet neben dem Konfliktgegenstand „Ressourcen“ die subnationale Vorherrschaft, d.h. die de-facto Kontrolle einer Bevölkerung über ein Gebiet, den zweiten Konfliktgegenstand, der durch die beteiligten Konfliktakteure angestrebt wird.

Auch im Zeitraum von 2004 bis 2006 kam es immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Hazara und Kuchi, die zu Zerstörungen und Vertreibungen in den betroffenen Gebieten führten. In deren Folge begannen beide Seiten sich stärker zu bewaffnen und Milizen zu mobilisieren. Der schwelende Konflikt eskalierte schließlich im Sommer 2007. Bei Kämpfen in der Provinz Wardak wurden mehrere Menschen getötet und mehrere hundert Familien vertrieben. Als Reaktion auf den rapiden Anstieg der Gewalt ernannte Präsident Karzai eine Kommission zur Beilegung des Konfliktes, deren Bemühungen jedoch erfolglos blieben. So kam es im Jahr 2008 erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen 24 Dorfbewohner und 30 Kuchi getötet, dutzende Menschen verletzt und tausende Familien vertrieben wurden. Trotz der Entsendung der afghanischen Armee in das Konfliktgebiet im Juni 2008, konnte der bewaffnete Konflikt schließlich erst im August durch ein präsidentielles Dekret beendet werden, welches den Rückzug der Kuchi aus den betroffenen Gebieten verlangte.

Der Karzai-Regierung ist es
bisher nicht gelungen, eine langfristige Lösung des
Konfliktes zu befördern.

Nachdem der gewaltsame Konflikt 2009, dem Jahr der Präsidentschaftswahlen, nicht ausgebrochen war, stieg die Konfliktintensität im Frühjahr und Sommer 2010 erneut stark an und die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kuchi und Hazara erreichten einen neuen Höhepunkt. Den Kämpfen fielen dutzende Menschen zum Opfer, 150 Häuser wurden niedergebrannt und über 2000 Familien vertrieben. Während sich die Situation in den betroffenen Gebieten in den Provinzen Wardak und Ghazni zuspitze, wurde der Konflikt nun auch in Kabul zunehmend politisiert: Im Parlament wurden emotionale Debatten ausgetragen, in denen sich die Parteien gegenseitig sowie die Regierung der Untätigkeit, politischen Manipulation oder Gesetzeswidrigkeit beschuldigten. Die parlamentarische pro-Hazara Opposition drohte damit, die Friedens Jirga zu boykottieren. In Kabul kam es darüber hinaus zu Protesten und Unruhen, zahlreiche Hazara, die nicht direkt von den Konflikten in den Provinzen Wardak und Ghazni betroffen waren, demonstrierten in den Straßen Kabuls. Auch die folgenden Jahre brachten gewaltsame Kämpfe mit sich. Die Konfliktintensität hat sich seitdem auf einem relativ hohen Niveau gefestigt.

Der Karzai-Regierung ist es bisher nicht gelungen, eine langfristige Lösung des Konfliktes zwischen den beteiligten Konfliktparteien der Kuchi-Nomaden und Hazara zu befördern. Dies hat nicht nur negative Konsequenzen für die betroffenen Bevölkerungsgruppen selbst, sondern unterminiert auch die Funktionsfähigkeit der derzeitigen Regierung. Vor dem Hintergrund der komplexen und tief verwurzelten Spannungen zwischen den Konfliktparteien, der zunehmenden Politisierung des Konfliktes und dem steigenden Destabilisierungspotential für die gesamte Region ist eine langfristige Lösung des Konfliktes daher von zentraler Bedeutung.


Autorin: Christina Köhler, Conias Risk Intelligence

Gelesen 7889 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:25

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