geschrieben von  2014-02-01

Indonesien: Das Unabhängigkeitsbestreben der Region Aceh

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Während Indonesien eine hohe ethnische Heterogenität aufweist, ist die Bevölkerungszusammensetzung in der Region Aceh dagegen homogen. Die große Mehrheit der regionalen Einwohner sind Muslime. Bereits vor der Entstehung der GAM war die Region Aceh Schauplatz gewaltvoller Konflikte. Im 19. Jahrhundert wehrte sich das unabhängige Sultanat Aceh in einer langen Auseinandersetzung gegen die niederländische Einflussnahme (1873-1913). Im Jahr 1953 brach erneut eine Rebellion aus, nachdem die Region in die Republik Indonesien integriert wurde. Die Rebellen unter der Führung von Teungku Daud Beureueh forderten daraufhin mehr regionale Autonomie und eine Stärkung des Islams auf nationaler Ebene. Der hoch gewaltsame Konflikt endete im Jahr 1963 mit dem Angebot der Regierung, Aceh den Status einer special region zu gewähren. Dieser Status beinhaltete zusätzliche Autonomie im religiösen, kulturellen und bildungspolitischen Bereich. Mit der Machtübernahme General Haji Mohamed Suhartos wurde jedoch dieser Status wiederrufen.

Mitte der 1970er Jahre bildete sich die GAM um die Person Hasan Muhammad di Tiro, der schon die Rebellion in den 1950er Jahren aktiv unterstützt hatte. Di Tiro begann im Jahr 1976 mit dem Aufbau der Guerillabewegung, um so die regionale Unabhängigkeit zu erzwingen. In seiner Strategie kam der Internationalisierung des politischen Konfliktes eine herausragende Rolle zu. Di Tiro hatte vor seinem Engagement in der Unabhängigkeitsbewegung bei der indonesischen UN-Vertretung in New York gearbeitet. Er war der Annahme, dass die Autonomieforderung in einem föderalen System ausschließlich als lokales und nicht als internationales Problem wahrgenommen würde. Die Forderung nach Unabhängigkeit erzeuge hingegen größere Aufmerksamkeit und mobilisiere ausländische Unterstützung. Di Tiro vermied des Weiteren, aus der Befürchtung heraus mögliche ausländische Unterstützer zu verschrecken, die Berufung auf den Islam. Die Forderungen der GAM konzentrierten sich daher vornehmlich auf die Gewinnbeteiligung an den großen Gasvorkommen in Aceh. Allerdings blieb die Unterstützung internationaler Geldgeber vorerst aus. In den folgenden Jahren richteten sich die militärischen Aktionen der schlecht ausgerüsteten Separatisten gegen die regionalen Gasförderanlagen. Im Dezember 1977 nahmen die Rebellen zwei amerikanische Arbeiter als Geisel, wobei ein Arbeiter getötet wurde. Die anschließende militärische Reaktion der Regierung veranlasste di Tiro und seine Unterstützer zur Flucht. In den 1980er Jahren war die GAM beinahe ganz von der Bildfläche verschwunden.

Die Organisation gewann im Jahr 1989 wieder an Boden. Di Tiro und einige Unterstützer waren nach Schweden geflohen und hatten dort eine Exilregierung aufgebaut. Mit der Unterstützung der lybischen Regierung bildete die GAM nun ihre militärischen Einheiten in Lybien aus. Dazu lief eine größere Zahl von Regierungstruppen zur GAM über. Auch die Unterstützung in der Bevölkerung wuchs infolge der zunehmenden sozialen Missstände in der Region. Die indonesische Regierung reagierte 1990 auf die geänderten Verhältnisse. Präsident Suharto stationierte 6000 weitere Soldaten in Aceh, darunter Counterinsurgency-Einheiten. Die massive Truppenaufstockung ging einher mit einer Gewaltzunahme in der Region und mit massiven Menschenrechtsverletzungen durch die Regierungstruppen. Der Einsatz der Regierungstruppen hatte eine erneute Verringerung der GAM-Präsenz von 1991 bis 1998 zur Folge.

In diesem Zeitraum wandelte sich die indonesische Regierung von einem autoritären zu einem demokratischen System. Die neu gewählte Regierung kündigte eine Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen an sowie den Rückzug der Truppen. Trotz des Truppenrückzugs, dem eine Abnahme der Gewalt folgte, verübten Regierungstruppen weitere Übergriffe wie das Massaker an 40 friedlichen Demonstranten im Mai 1999, was der Glaubwürdigkeit der indonesischen Regierung nachhaltig schadete. Nach dem Truppenrückzug im August 1998 wuchs die GAM innerhalb kurzer Zeit auf eine Truppenstärke von etwa 800 Mann. Dabei rekrutierten sich die Kämpfer oft aus Opfern der Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung. Im Jahr 2000 wurden Friedensverhandlungen mit der indonesischen Regierung aufgenommen. Die Verhandlungsphase wurde von militärischen Gefechten hoher Intensität begleitet.

Der Tsunami in Indonesien verschaffte dem Konflikt weltweit Aufmerksamkeit.

In den Fokus der internationalen Öffentlichkeit rückte die Region Aceh als im Dezember 2004 ein Tsunami die Landschaft verwüstete und mindestens 160.000 Todesopfer forderte. Im Zuge dieser Entwicklung erklärten sich beide Konfliktparteien zu einem Waffenstillstand bereit, der allerdings schon im Januar 2005 gebrochen wurde. Auf Druck der internationalen Unterstützer beim Wiederaufbau wurden erneut Friedensverhandlungen aufgenommen. Im Jahr 2005 wurde ein Vorvertrag zwischen den beiden Konfliktparteien unterzeichnet, welcher der Provinz Aceh einen besonderen Autonomiestatus zugestand. Die folgende Vertragsimplementierung beendete das militärische Streben nach Unabhängigkeit.

Im Laufe des Jahres 2006 begann der Rückzug der Regierungstruppen aus Aceh. Gleichzeitig entließ die Regierung in Jakarta einige GAM-Mitglieder aus der Haft. Im Gegenzug händigten Truppenteile der Separatisten ihre Waffen dem indonesischen Militär aus. Mit der Rückkehr der GAM-Führung aus dem schwedischen Exil beruhigte sich der Konflikt merklich. Im November 2006 wählte die Bevölkerung der Region Aceh unter der Beobachtung der EU und der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) ihre regionalen Volksvertreter, womit offiziell die letzten Vereinbarungen innerhalb des Friedensvertrages implementiert wurden. Die Ausgestaltung der politischen Autonomie bestimmte in den folgenden Jahren danach den Konfliktgegenstand in der Region, wobei die Austragung zunehmend friedlich verlief.

Autor: Sebastian Cujai, Forum für internationale Sicherheit Heidelberg

Gelesen 4989 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:27

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