geschrieben von  2014-02-02

"365 Tage - Vergessene Konflikte": Das Projekt

(15 Stimmen)

 

 

Statistiken legen nahe, dass auch in diesem noch jungen Jahr 2014 etwa 40 Kriege weltweit ausgetragen werden, fast alle davon innerhalb von Staaten. In geschätzten weiteren 160 politischen Konflikten, welche nicht als Kriege klassifiziert werden, wird politische Gewalt zu beobachten sein, die ebenfalls Menschenleben fordert oder gefährdet. In etwa 90 anderen politischen Konflikten werden die Spannungen so groß sein, dass die betroffene Bevölkerung mit dem Ausbruch von Gewalt rechnen muss. Das heißt, mit großer Sicherheit werden in den kommenden Monaten tausende Menschen getötet oder schwer verletzt, die mühsam aufgebaute Infrastruktur wird zerstört und damit die Lebensgrundlage für nachfolgende Generationen. Darüber hinaus werden hunderttausende vor der Gewalt in ihren Heimatdörfern und -städten fliehen.

Diese hohe Anzahl der weltweit ausgetragenen Kriege und politischen Gewaltkonflikte erschreckt immer wieder. Inzwischen kennen viele Menschen in Deutschland und den Nachbarstaaten – nur knapp 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges - Krieg, Flucht und Vertreibung nur mehr aus der Erzählungen der älteren Generation. Dabei wird die Anzahl derer, die hierzulande darüber aus eigener Erfahrung berichten können, jährlich geringer.

Gleichzeitig wird übersehen, wie allgegenwärtig die Frage nach physischer Sicherheit und politischer Stabilität im großen Rest der Welt ist. Das humanitäre Gewissen jedoch fordert, sich mit der Lebenssituation der Betroffenen von Gewaltkonflikten auseinanderzusetzen. Die riesige Fülle an Informationen erschwert den traditionellen Medien allerdings eine hinreichende Aufarbeitung der zahlreichen Konflikte, wodurch es den Interessierten erschwert wird sich ausführlich mit ihnen auseinanderzusetzen. Den vielen gewaltsamen Konflikten weltweit, wie z.B. in Myanmar, der Zentralafrikanischen Republik oder Jemen werden oft nur knappe Sendezeit in  Radio und Fernsehen oder wenige Zeilen in den Kurznachrichten der Zeitung gewidmet. Konflikte, in welchen gerade keine neue Eskalation zu verzeichnen ist, finden in den populären Medien meist gar keine Erwähnung.

Hier setzt die Idee von “365 Tage – vergessene Konflikte“ an. Wir wollen dieses geschichtsträchtige Jahr nutzen, um die Aufmerksamkeit auf jene Vielzahl politischer Konflikte zu lenken, die üblicherweise nicht im Fokus der Berichterstattung stehen – die vergessenen Konflikte. Dabei interpretieren wir den Begriff „vergessen“ auf zwei Ebenen: Vergessen sind zum einen die Vielzahl aktuell laufender Konflikte, die gewaltsam ausgetragen werden, aber in den hiesigen Medien kaum erwähnt werden. Vergessene Konflikte sind aber auch jene, die in der Vergangenheit für einige Momente im Fokus standen, beispielsweise wegen ihrer humanitären Folgen, die aber nach dem Absinken der medialen Aufmerksamkeit weiter liefen und möglicherweise bis heute andauern – ohne dass die Öffentlichkeit Informationen über neue Entwicklungen erhält.

In den regelmäßig erscheinenden Berichten wird jeweils ein Konflikt herausgehoben sowie seine Akteure, die umstrittenen Themen und Gegenstände, die geographische Ausdehnung und der Verlauf des Konfliktes, einschließlich verschiedener Intensitätsphasen dargestellt und kurz erläutert.Der Leser erhält so einen Überblick über den jeweiligen Konflikt und lernt auch dessen Hintergründe kennen. Durch die Vielzahl unterschiedlicher Konflikte aus allen Regionen der Welt, die auch aus verschiedenen Phasen des Beobachtungszeitraums seit 1945 stammen, versteht der Leser, welche Komplexität in der Frage nach Ursachen und Faktoren für die vielen Kriege und politisch motivierte Gewalt steckt. Ergänzt wird die Reihe der Konfliktberichte durch kurze Aufsätze zu Ergebnissen der quantitativen Konfliktforschung und durch kurze Berichte unseres Projektpartners CARE Deutschland / Luxemburg e.V., der über Art und Umfang humanitärer Hilfe in den von Konflikten betroffenen Ländern erzählen. Das Projekt „365 Tage – Vergessene Konflikte“ schlägt so in bisher einmaliger Weise den Bogen von Konflikten und Konfliktdaten über Analysen und Ergebnissen der empirischen Konfliktforschung hin zu Berichten der humanitären Hilfe, die durch die politischen Konflikte notwendig wird. Das Projekt beruht bislang auf der ehrenamtlichen Projektarbeit Heidelberger Studenten, deren Kern aus den Studierenden des Masterstudiengangs Politische Wissenschaft Natascha Pongratz, Christina Köhler und Sebastian Cujai besteht. Weitere Texte  kommen zudem aus dem Mitarbeiterteam des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (www.hiik.de).

Konzipiert und getragen wird das Projekt von der CONIAS Risk Intelligence, einem jungen Startup aus der Mitte der Heidelberger Konfliktforschung. Die CONIAS Risk Intelligence hat die Pflege und Fortführung der Heidelberger Konfliktdatenbank CONIAS übernommen und bietet ihre Dienstleistung im Bereich der Konfliktfrühwarnung und Risikoeinschätzung an Die Konfliktdatenbank CONIAS beinhaltet Informationen zu insgesamt mehr als 900 laufenden und bereits beendeten politischen Konflikten seit 1945 – innerstaatliche und zwischenstaatliche, Kriege und gewaltsame Auseinandersetzungen, aber auch gewaltlos gebliebene SpannungenDamit bietet die Datenbank 900 Beispiele für den Irrsinn und der Willkür, dem Menschen unterliegen, wenn sie in Gebieten leben, die von politischer Gewalt betroffen oder bedroht sind.

Das Projekt wird nicht an alle diese Konflikte erinnern können und leider auch nicht den vielen unschuldig betroffenen Menschen die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die sie verdient haben. Aber es ist ein Anfang. Wir erhoffen uns im Laufe der kommenden 365 Tage viele Leser, die sich über die vergessenen Konflikte informieren wollen und auch ihren Freunden, Bekannten und Nachbarn davon erzählen und sie zum Abonnement der Berichte einladen. Wer gerne selbst mehr über das Projekt erfahren oder sogar mitarbeiten will, ist eingeladen, uns über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu kontaktieren.

Wir freuen uns über Ihr Feedback.

Dr. Nicolas Schwank, CONIAS Risk Intelligence

 

 



[1] Zugrunde liegende Daten finden sich in den Heidelberger Konfliktbarometern der vergangenen Jahre, www.hiik.de.

[2] Die Heidelberger Konfliktforschung unterscheidet zwischen fünf Konfliktintensitäten: 1) Disputen, 2)gewaltlosen Krisen, 3) gewaltsamen Krisen, 4) begrenzten Kriegen und 5) Kriegen. 

Gelesen 5204 mal Letzte Änderung am Montag, 03 Februar 2014 01:22

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