geschrieben von  2014-02-04

Algerien: al-Qaeda in the Islamic Maghreb (AQIM)

(5 Stimmen)

Seit etwa 2007 treten islamistische Kämpfer in Algerien unter dem Namen al-Qaeda in the Islamic Maghreb (AQIM) auf. Der bewaffnete Kampf gegen die Regierung, durch Selbstmordattentate, Bombenanschläge und Überfälle auf Sicherheitskräfte, zeichnet die Aktivitäten der Gruppe vor allem in Algerien aus. Die Regierung antwortete ihrerseits mit der Aufstellung von Anti-Terror Einheiten, Luftschlägen und regionalen Großoffensiven. In Teilen des Landes nehmen die Konfliktereignisse und Kampfhandlungen das Ausmaß eines begrenzten Krieges an. Betroffen sind dabei im Norden des Landes, die Region Kabylei sowie Gebiete im Süden in Grenznähe zu Mali, Mauretanien und Libyen. Das Auftreten AQIMs im Norden Afrikas eröffnete jedoch kein neues Konfliktgebiet, denn der Konflikt in Algerien besteht nicht erst seit dem Jahr 2007,  sondern begann schon vor mehr als 20 Jahren seinen Verlauf  zu nehmen.

Ursprung des Konflikts und Entwicklung

Bereits in den 1990er-Jahren nahm der bewaffnete Konflikt gegen die algerische Regierung hochgewaltsame Züge an. Damals wurde der bewaffnete Kampf von radikal-islamistischen Gruppen und Individuen angeführt, die schließlich ab 2007 unter dem Banner al-Qaedas auftraten. Die Anfänge des Konfliktes fallen mit den Parlamentswahlen von 1991 zusammen, welche durch massenhafte Proteste erreicht wurden. Nachdem die Front islamique du salut (FIS) bereits im ersten Wahlgang eine Mehrheit der Stimmen erreichte, griff die Armee ein und brach die Wahlen ab. Das Land rutschte in der Folge in einen Bürgerkrieg ab. Neben anderen islamistischen Gruppen beginnt vor allem die Groupe islamique armé (GIA) den bewaffneten Kampf für die Errichtung eines islamischen Gottesstaates. Die Gruppe besteht zu dieser Zeit unter anderem aus algerischen Islamisten, die erst kurz zuvor aus Afghanistan zurückkehrt waren und dort gegen sowjetische Truppen mehrere Jahre lang Kampferfahrung gesammelt hatten. Aus der GIA geht 1998 die Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat (GSPC) hervor. In der deutschen Öffentlichkeit wurde die Gruppierung bekannt, als im Jahr 2003 14 Touristen, darunter neun Deutsche in der Sahara verschleppt wurden und erst nach sechs Monaten frei kamen. Im Jahr 2006 bekennt sich die GSPC in einer Videobotschaft zu al-Qaeda. Die Kerngruppe und Führung von al-Qaeda um Bin Laden und al-Zawahiribestätigen ihrerseits in einer Botschaft die Aufnahme der Gruppe alsregionale Schwesterorganisation und Teil des Terrornetzwerks. Fortan, ab 2007, tritt die Gruppe unter dem Namen al-Qaeda in the Islamic Maghreb (AQIM) auf.

Der innerstaatliche Konflikt in Algerien hat sich seit Jahren auf einem hochgewaltsamen Niveau gefestigt. Selbstmordanschläge und Anschläge mit unkonventionellen Sprengvorrichtungen (IEDs), vor allem gegen militärische Einrichtungen und Patrouillen, geschehen in regelmäßiger Abfolge. Vereinzelt attackiert AQIM in Gruppen mit 50 bis 100 Kämpfern immer wieder auch militärische Anlage und liefert sich so stundenlange Feuergefechte mit der Armee. Algerien geht seit Jahren hart gegen die Gruppe vor. Luft- und Artillerieschläge werden immer wieder gegen Stellungen und Verstecke AQIMs durchgeführt. In regelmäßigen  regionalen Großoffensiven durchkämmen Regierungssoldaten Landstriche betroffener Provinzen. Durch Armeeoperationen, gezielte Schläge sowie bei Gefechten wurden in den vergangen Jahren zahlreiche Kämpfer und mehrere regionale Anführer der Gruppe getötet. Seriöse Schätzungen über die genaue Personalstärke der Gruppe bleiben jedoch schwierig.

Die Evolution von AQIM

Mit dem Bekenntnis zu al-Qaeda gingen Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperten davon aus, dass sich damit auch Ziele und Präferenzen der Gruppe in Nordafrika ändern würden. Neben dem Namen von al-Qaeda übernahmen die algerischen Islamisten auch die Präferenzen und Ziele der Kerngruppe, die vor allem durch einen globalen Jihad zum Ausdruck kommen sollen. Dennoch hat sich gezeigt, dass AQIM wie seine Vorläuferorganisationen vor allem regional in Maghreb operiert. Die Gruppe fokussiert sich ganz offensichtlich auf regionale Ziele und beteiligt sich soweit bekannt nicht an der globalen Strategie der al-Qaeda Führung. Trotz alledem besteht für Touristen in Algerien und anderen Sahelstaaten ein erhöhtes Entführungsrisiko, ebenso wie eine erhöhte Gefahr von Anschlägen auf westliche und internationale Einrichtungen. Vor allem von Reisen in die betroffenen Gebiete Algeriens wird weitestgehend abgeraten. Trotz regionaler Orientierung scheint AQIM überregional vernetzt zu sein. In Sicherheitskreisen wird davon ausgegangen, dass zwischen der AQIM-Führung um Abdelmalek Droukdel und der Gruppe al-Qaeda on the Arabian Peninsula (AQAP) direkte Beziehungen bestehen. AQAP wiederum ist vor allem im Jemen aktiv.

Seit etwa zwei Jahren ist zu beobachten, dass sich einzelne Teilgruppen von AQIM abspalten und als eigenständige Akteure in Erscheinung treten. Ende 2011 tritt eine neue islamistische Gruppierung mit dem Namen Mouvement pour l'unicité et le jihad en Afrique de l'Ouest (MUJAO) auf. Im Frühjahr 2013 erlangt eine weitere Gruppe durch die Besetzung einer Ölförderanlage im algerischen In Amenas traurige Berühmtheit. Diese Splittergruppe, genannt Blood Sigantories unter dem Kommando des ehemaligen AQIM Kommandanten Mokhtar Belmokhtar löste sich bereits im Dezember 2012 von AQIM. Trotz Abspaltungen und interner Streitigkeiten verfolgen AQIM und die zugehörigen Splittergruppen weitestgehend dieselben Ziele und stehen in enger Verbindung. Im August 2013 wird bekannt, dass sich MUJAO und Blood Sigantories  zusammenschließen. Die neue Bewegung, die aus der Fusion beider Gruppen hervorgeht, nennt sich al-Murabitoun und scheint vor allem Sahara-Sahel Raum aktiv zu sein.

Die Bedeutung des Konflikts für den Raum Maghreb

Mittlerweile sind AQIM und seine Partnergruppierungen gut vernetzt und in der Lage in weiten Teilen Maghrebs zu wirken, wie zuletzt auch der Krieg in Mali unter Beweis gestellt hat. AQIM ist heute in nahezu allen Ländern im Raum Maghreb aktiv. Die Gruppe hat sich weiter internationalisiert. Zwar besteht sie zum überwiegenden Teil aus algerischen Kämpfern, jedoch finden sich in ihren Reihen auch libysche, mauretanische und marokkanische Staatsangehörige. Die Weiten der Sahara und die damit auch schwierige Überwachung der Region haben die Ausdehnung und Wirkungsfähigkeit von AQIM und verwandten Gruppen gefördert. Zwar geht besonders in Algerien die Armee mit schweren Mitteln gegen die militanten Gruppen vor, jedoch dient vor allem die Sahara-Sahel-Zone als Rückzugsort. Grenzübertritte gestalten sich dabei als einfach, da es den Staaten der Region kaum möglich ist in den zum Teil schwer zugänglichen Gebieten für einen lückenlosen Schutz der Grenzen zu sorgen. Drogenverkehr und Schmuggel aller Art gehören seit Jahren zur kriminellen Ökonomie der Region und bieten auch AQIM und verwandten Gruppen Einnahmequellen zur Finanzierung ihrer Ziele. Vermutlich sind zu den Einnahmequellen auch Lösegeldzahlungen aus Entführungen von westlichen Staatsangehörigen zu zählen. Seit dem Arabischen Frühling und der damit verbundenen Öffnung und Plünderung zahlreicher Waffendepots in Libyen, zirkulieren große Mengen an Munition, Kleinwaffen und Sprengstoffen sowie schwerere Waffen, wie Flugabwehr- und Panzerabwehrwaffen, in der Region. Diese neue und günstige Bezugsquelle zur Aufrüstung hat es AQIM und der Splittergruppe MUJAO überhaupt erst möglich gemacht bis nach Mali hinein wirken zu können und dort zusammen mit anderen Gruppen große Teile des Landes zu kontrollieren. In Algerien kam es seit 2011 immer wieder zu Zusammenstößen zwischen AQIM und Sicherheitskräften im Grenzgebiet zu Mali und Libyen. Dabei wurden mehrfach umfangreiche Waffenlieferungen aufgegriffen und große Mengen an Sprengstoff und Munition sichergestellt. Die algerische Regierung hat bereits nach ersten Anzeichen von Waffenschmuggel im Jahr 2011 den Schutz der Grenzen massiv erhöht. In Zusammenschluss mit anderen Staaten der Region wurde im selben Jahr die Einrichtung einer multinationalen Kommandostruktur im algerischen Tamanrasset beschlossen, um die Sicherung der Sahelzone im multinationalen Verbund voranzutreiben. Teilnehmende Staaten sind  neben Algerien, Mauretanien, Mali und Niger. Nach damaligem Stand der Planung sollten mehr als 75.000 Soldaten der teilnehmenden Nationen diesem Kommando unterstellt sein. Aktuelle Zahlen sowie Informationen über den Einfluss des Krieges in Mali auf die Handlungsfähigkeit des Verbandes liegen im Augenblick jedoch nicht vor.

Eine zuverlässige Einschätzung über den genauen Fortgang des Konflikts zu treffen bleibt schwierig. Der Blick auf die letzten Jahre zeigt jedoch, dass mit einer Entspannung nicht zu rechnen ist.

Autor: Florian Rühl, Heidelberger Institut für internationale Konflitkforschung (HIIK)

Gelesen 6264 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:32

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