geschrieben von  2014-02-16

Der Bürgerkrieg in El Salvador

(16 Stimmen)

Das El Salvador Civil War Memorial - auf mehreren hundert Metern Länge sind die Namen von 75.000 Menschen eingraviert, die während des Bürgerkrieges ums Leben kamen. (Quelle: http://www.flickr.com/photos/withonef/305180789/)

Vor fast genau 21 Jahren endete mit einem Friedensabkommen einer der blutigsten Bürgerkriege Lateinamerikas. Noch heute sind viele Menschen in El Salvador von den Erlebnissen des Bürgerkriegs traumatisiert und leiden unter dessen Folgen. Die Aufarbeitung und Aufklärung schwerster Menschenrechtsverletzungen gestalten sich bis heute als schwierig, da ein 1993 verabschiedetes Amnestiegesetz die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs vor Strafverfolgung schützt. Die Amnestie ist bis auf wenige Ausnahmen bis heute gültig, trotz mehrerer Beschwerden bei der Generalstaatsanwaltschaft von  El Salvador und einem Urteil des interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte von 2012, welches die Verantwortung des salvadorianischen Staates für die Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen feststellte.


Ähnlich wie in Guatemala und Nicaragua war auch das autoritär regierte El Salvador in den 1970er und 80er Jahren durch politische Unruhen und eine große soziale Ungerechtigkeit geprägt. Der Großteil des Landes befand sich in den Händen einiger weniger Großgrundbesitzer, während der Rest der Bevölkerung kaum genug Land besaß, um das Überleben zu sichern. Die schwierige Situation vieler Menschen wurde zudem durch die fortschreitende Modernisierung der landwirtschaftlichen Betriebe zusätzlich verschärft, da immer weniger Landarbeiter benötigt wurden, um die Felder zu bestellen. Proteste der aus verschiedenen Gruppen zusammengesetzten, mehrheitlich linken Opposition (FMLN) gegen die Zustände und die bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse im Land wurden außerdem zunehmend mit Repressalien von Seiten der herrschenden Oligarchie beantwortet, was zu einer noch größeren politischen und sozialen Instabilität des Landes führte. Als im Oktober 1979 durch einen Militärputsch die so genannte „Junta Revolucionaria de Gobierno“ an die Macht kam, spitzte sich die Lage weiter zu. Die Junta war anfangs auch mit agrarreformorientierten Militärs und Zivilisten besetzt, bestand bald aber ausschließlich aus den mit der Oligarchie eng verbundenen konservativen Militärs, wie dem Oberst Jaime Abdul Gutierrez.

Das Massaker von El Mozote gilt als größtes Kriegsverbrechen in der Geschichte Zentralamerikas.

Am 22. Januar 1980 verübten Militär und Polizei ein Massaker an Demonstranten, die gegen die bestehenden Verhältnisse protestierten. Dabei kamen Todesschwadronen zum Einsatz, welche zum größten Teil aus den Reihen des Militärs rekrutiert wurden. Bereits vor dem Putsch waren diese eingesetzt worden, um die Macht der konservativen Elite gegen die sich formierenden linken Guerilleros zu sichern. Nun gingen sie unter der Militärjunta mit aller Härte gegen jegliche Oppositionelle, aber auch gegen unbeteiligte Zivilisten vor. Exemplarisch für das Vorgehen der Todesschwadronen ist die Ermordung des bekannten Erzbischofs Oscar Romero am 24. März 1980, der in seinen Predigten zunehmend Kritik an der Regierung, dem Militär und der US-amerikanischen Militärhilfe für das salvadorianische Regime, durch die ein potentielles kommunistisches El Salvador verhindert werden sollte, äußerte. Ein weiteres Beispiel ist das Massaker von El Mozote am 10. bis zum 12. Dezember 1981, welches als größtes Kriegsverbrechen in der Geschichte Zentralamerikas gilt.  Im Verlauf des Massakers wurden mehr als 900 Zivilisten vom „Batallón Atlácatl“, einer in den USA ausgebildeten salvadorianischen Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung, ermordet. Diese waren auf der Suche nach Mitgliedern der Guerillera, welche in der Region um El Mozote mehrere Stützpunkte hatte. Den gänzlich unbeteiligten Dorfbewohnern, unter denen sich keine Guerilleros befanden, wurde vorgeworfen, mit der FMLN zu sympathisieren, was schließlich auch als Vorwand für das Massaker diente. Selbst nach starken Protesten innerhalb der USA (als Reaktion auf das Massaker) gegen die Außenpolitik der Regierung Reagan setzten die USA diese, allenfalls leicht modifiziert, noch viele weitere Jahre fort. Erst die weltweit verbreitete Nachricht von der Ermordung von sechs Jesuitenpriestern am 16. November 1989 durch das Batallón Atlácatl, das kurz zuvor noch von amerikanischen Spezialeinheiten im Nachtkampf trainiert und deren Nachtsichtgeräte zu der Tötungsaktion mitnahm, führte unter anderem zu einem Umdenken Amerikas, welches nun auf Friedensverhandlungen zwischen dem Militärregime und der Guerilla in El Salvador setzte.

Am 16. Januar 1992 unterzeichneten die Regierung und FMLN in Chapultepec, Mexico unter der Aufsicht und Federführung der UN schließlich einen Friedensvertrag. Darin wurden etwa die Unterstellung des Militärs und der Polizei unter zivile Kontrolle festgesetzt und demokratische Wahlen unter internationaler Beobachtung vereinbart. Mehrere Voraussetzungen ermöglichten die Friedensschließung überhaupt erst: Keine der beiden Konfliktparteien konnte während des Bürgerkriegs entscheidende Vorteile oder bedeutende Gebietsgewinne verzeichnen, welche für den erfolgreichen Ausgang des Bürgerkriegs für eine der beiden Konfliktparteien notwendig gewesen wären. Selbst mit einer groß angelegten „Schlussoffensive“ im November 1989 vermochten die Guerillas es nicht, das Regime zu stürzen. Durch das Ende des Kalten Krieges schwand zudem das Interesse der USA an der Unterstützung des Militärregimes und der von der linken Guerilla angestrebten kommunistischen Revolution wurde gleichzeitig durch den Zusammenbruch der Sowjetunion der Wind aus den Segeln genommen.

Die Bilanz des über 12 Jahre andauernden Bürgerkriegs ist verheerend. Über 75.000 Menschen kamen ums Leben, mehr als 8.000 Menschen sind verschwunden, wenige Fälle konnten bisher aufgeklärt werden und noch heute hoffen zahlreiche Angehörige von Vermissten, dass diese noch am Leben sein könnten. Außerdem flohen über eine Millionen Einwohner El Salvadors während des Bürgerkriegs vor der Gewalt aus ihrer Heimat, viele davon in die USA. Um die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen zu untersuchen und aufzuklären wurde im Zuge der Friedensverhandlungen eine von beiden Seiten akzeptierte Wahrheitskommission ins Leben gerufen. Fünf Tage, nachdem diese ihren Bericht veröffentlichte, erließ das neue salvadorianische Parlament ein Amnestiegesetz, welches die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen beider Lager vor Strafverfolgung schützt.

Die Folgen des Bürgerkrieges sind auch nach über 20 Jahren noch spürbar.

El Salvador hat noch heute mit den Folgen des Bürgerkriegs zu kämpfen. Während ein Regierungswechsel (seit dem 1. Juni 2009 stellt die FMLN die Regierung) ohne Zwischenfälle vonstatten ging, hat sich an der sozialen Ungerechtigkeit wenig geändert und Gewalt und Kriminalität sind präsenter denn je. Ausgerechnet die von der Gewalt im Bürgerkrieg traumatisierten Flüchtlinge, die von den USA aufgrund von dort begangenen Verbrechen zurück in ihre Heimat geschickt wurden, importierten die in den USA von salvadorianischen Flüchtlingen gegründeten Banden nach El Salvador und etablierten deren neuartige Strukturen. Die „Maras“, Straßenbanden mit über 100.000 Mitgliedern zeichnen sich durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus und sind heute eine der größten Probleme des Landes. Der Präsident  El Salvadors, Mauricio Funes von der FMLN, schickt nun das Militär auf die Straßen, um die Gewalt einzudämmen.

 

Autor: Paul Schilling 

Gelesen 15960 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:34

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