geschrieben von  2014-02-20

Was ist eigentlich Krieg?

(10 Stimmen)

 

 

Obwohl kaum eine Nachrichtensendung ohne Meldungen über politische Gewalt oder sogar Kriege auskommt, wird scheinbar kaum darüber nachgedacht, was eigentlich der Unterschied zwischen diesen Konfliktformen ist oder ab wann man von einem Krieg sprechen kann oder sogar muss. Deutlich wurde diese Unsicherheit für die deutschsprachige Öffentlichkeit zuletzt, als im Jahre 2009 der damalige deutsche Verteidigungsminister zu Guttenberg vom Krieg sprach, der in Afghanistan herrsche und mit dieser Äußerung auf unerwartet große Zustimmung stieß. Bis dahin wurde von offizieller Seite der Kriegsbegriff vermieden und allenfalls von einer bedrohlichen Sicherheitslage gesprochen. Die Unsicherheit im Umgang mit dem Kriegsbegriff zeigt sich aber auch am anderen Ende der Gewaltskala. Denn schnell werden gewaltsame Ausschreitungen bei Großdemonstrationen in den Medien als „bürgerkriegsähnliche Zustände“ bezeichnet - selbst dann, wenn keine Menschen verletzt oder gar getötet werden und nur Schäden an Gebäuden und Sachen entstehen.

Angesichts des tatsächlichen Ausmaßes von Gewalt in Bürgerkriegen in anderen Teilen der Welt ist dies eine nicht immer passende sprachliche Gleichsetzung. Auch bei den „vergessenen Konflikten“ werden viele Gewaltsituationen geschildert, die einige als Krieg bezeichnen, in vielen anderen Konfliktstatistiken jedoch nicht einmal aufgeführt werden. Doch worin besteht die Schwierigkeit mit dem Kriegsbegriff? Und kann die Wissenschaft helfen? Schließlich benötigt sie doch eindeutige Begriffsdefinitionen, um das Phänomen zu erforschen.

Der Krieg ist ein Chamäleon (Carl v. Clausewitz)

Krieg ist vermutlich eines der ältesten Konfliktlösungsinstrumente der Menschheitsgeschichte und hat sich deshalb ständig mit der Menschheit und deren Gesellschaftsformen verändert. Der ständige Wandel der Austragungsform ist eines der zentralen Probleme in der Definition von Krieg. Selbst Carl von Clausewitz, preußischer General und noch immer einer der am häufigsten zitierten Kriegstheoretiker, konnte und wollte keine Definition für Krieg liefern. Für seine Forschung hatte er im Laufe seines Lebens mehrere hundert Schlachten von der Antike bis zur Neuzeit studiert. Statt einer Definition versuchte er sich jedoch mit Vergleichen und Aphorismen dem Begriff anzunähern. Dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, ist der am häufigsten zitierte. Doch passender für das Verständnis von Clausewitz Auffassung über den Krieg ist sein Vergleich mit einem Ringkampf. Demnach gehe es im Kriege darum, den Gegner niederzuringen und nicht eher abzulassen, bis der Unterlegene sich dem Willen des Siegers unterwerfe. Clausewitz beschreibt so aber nur eine Konfliktform, nämlich jene des absoluten Krieges. Während der Abfassung seines opus magnum „Vom Kriege“ wird ihm bewusst, dass die meisten Kriege viel früher enden, die Staaten eine Art Kompromiss suchen und nur in seltenen Fällen Gewalt bis zum Äußersten angewandt wird. Doch noch bevor er diese Erkenntnis komplett durchdenken und in sein Werk einarbeiten konnte, stirbt er.

Der Heidelberger Ansatz der Konfliktforschung

In der Wissenschaft, genauer in der empirischen Forschung zu Konflikten und Kriegen lassen sich drei unterschiedliche Messkonzepte unterscheiden:

1. Die „klassische Form“ der gegen- oder einseitigen Kriegserklärung. Einer, mehrere oder alle beteiligten Akteure erklären einander den Krieg.
2. Eine zweite Variante konzentriert sich auf die Wirkung, die Kriege erzielen. Üblicherweise werden hierbei Indikatoren wie die Anzahl der Todesopfer, zerstörte Gebäude oder Flüchtlingsbewegungen verwendet.
3. Eine dritte Forschungsrichtung betont den prozesshaften Charakter von Krieg. Krieg wird als Endpunkt einer Dynamik betrachtet, an deren Beginn die Anwendung von Zwang steht, auf die die Androhung von Gewalt und schließlich die Anwendung von Gewalt folgt. Im Mittelpunkt steht daher die Art und Dauer der Gewaltanwendung.

Den geringsten Zuspruch findet dabei heute der Ansatz, der auf die formale Erklärung oder Feststellungen von Kriegen abstellt. Die formale Kriegserklärung verliert im 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Mit der Verabschiedung der UN Charta und der darin enthaltenen Ächtung des Angriffskrieges käme aktuell eine Kriegserklärung auch dem Eingeständnis eines Völkerrechtsbruches nahe. Am einflussreichsten sind bislang jene Kriegsdefinitionen, die auf die Anzahl der Todesopfer als Abgrenzungskriterium zwischen Krieg und Nicht-Krieg zielen. Üblicherweise wird hier ein Schwellenwert von 1.000 Konflikttoten pro Jahr für die Bestimmung von Kriegen verwendet und 25 Tote pro Jahr, um das Vorhandensein eines bewaffneten Konfliktes festzustellen. Darüber hinaus gibt es noch jene Ansätze, die den Prozesscharakter von Kriegen betonen.

Die Methodik der Heidelberger Konfliktforschung, die im vorliegenden Projekt der „vergessenen Konflikte“ Verwendung findet, aber bereits seit Jahren sowohl in der CONIAS Datenbank als auch vom Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) angewandt wird, arbeitet mit einem fünfstufigen dynamischen Intensitätsmodell. Ziel des Heidelberger Ansatzes ist es, für alle denkbaren Formen des politischen Konfliktes (innerstaatlich, zwischenstaatlich, transnational) den Weg der Eskalation und Deeskalation nachzuzeichnen. Durch den Vergleich von strukturell ähnlichen Konflikten, die teilweise gewaltsam eskaliert sind und teilweise gewaltlos blieben, soll herausgefunden werden, welche Faktoren das Risiko eines Gewaltausbruchs erhöhen können. Im Folgenden wird die Heidelberger Methodik grob umrissen, kann aber allein aus Gründen des Umfangs eines solchen Newsletters nicht im Detail wiedergegeben werden.

Die Elemente eines Konfliktes: Akteure, Gegenstände, Maßnahmen

Zentral für die Bestimmung eines Konfliktes als politischer Konflikt ist zunächst die Feststellung einer Positionsdifferenz, also eines Gegensatzes von Denk- und Vorstellungsinhalten. Daraus ergeben sich die drei notwendigen Kriterien zur Bestimmung von Konflikten: Die Existenz von Personen oder Personengruppen (Akteure), die in Bezug auf bestimmte Themen oder Objekte (Konfliktgegenstände) handeln oder kommunizieren (Maßnahmen). Um einen Konflikt als politischen Konflikt zu klassifizieren, müssen folgende Kriterien erfüllt sein: Erstens muss der Konfliktgegenstand von gesamtgesellschaftlicher Relevanz sein, also die völkerrechtliche Ordnung oder die Kernfunktion eines Staates in Frage stellen. Zweitens müssen die ergriffenen Maßnahmen außerhalb etablierter gewaltloser Mechanismen zur Konfliktregulierung liegen. Dies ist jeweils im Kontext der betroffenen Länder zu sehen. Gehören friedliche Demonstrationen zum festen Bestandteil etablierter Demokratien, können sie in autoritären Regimen verboten sein und somit außerhalb anerkannter Regelungsmechanismen liegen. Drittens müssen die beteiligten Akteure sich gegenseitig als durchsetzungsfähig wahrnehmen. Damit werden Konflikte ausgeschlossen, in denen beispielsweise Einzelpersonen eine ökonomische oder politische Systemveränderung vom Staat verlangen. Die Bestimmung der Intensität eines politischen Konfliktes erfolgt auf Basis von qualitativen und quantitativen Kriterien. Während qualitative Indikatoren die Konfliktdefinition bestimmen, erfolgt die Bestimmung der Gewaltintensität über eine Kombination qualitativer und quantitativer Indikatoren.

Die ersten beiden Stufen der fünfstufigen Skala der Konfliktintensität erfassen ausschließlich gewaltlose Konfliktformen. Als Dispute werden solche Konflikte bezeichnet, die zwar gewaltlos ausgetragen werden, dabei aber doch entweder die völkerrechtliche Ordnung oder die Kernfunktion eines Staates bedrohen oder eine solche Bedrohung in Aussicht stellen. Dies sind typischerweise Konflikte, die über den Grenzverlauf zwischen zwei Staaten geführt werden. Ein Beispiel für einen innerstaatlichen Disput stellt die Forderung einer Bevölkerungsgruppe nach Sezession eines bestimmten Gebietes dar. Als gewaltlose Krise werden solche Konflikte bezeichnet, bei denen mit der Anwendung von Gewalt gegen Personen gedroht wird, jedoch keine Menschen zu Schaden kommen. Neben der expliziten Drohung mit Gewalt, beispielsweise in Form von Truppenaufmärschen an der Grenze, fallen in diese Konfliktstufe auch Gewaltanwendungen gegen Sachen, ohne dass dabei die physische Verletzung von Menschen billigend in Kauf genommen wird. Wird also an der Grenze in unbesiedeltes Gebiet geschossen, um die Kampfbereitschaft zu unterstreichen oder gehen bei einer Demonstration Schaufenster zu Bruch, wird dies jeweils in der Kategorie „gewaltlose Krise“ verzeichnet. Auch die Anwendung von Sanktionen wird als gewaltlose Krisen kodiert.

Fünf Indikatoren zur Bestimmung eines Krieges

Zur Bestimmung der Intensität eines Gewaltkonfliktes (Intensitätsstufen 3, 4 oder 5) werden im Heidelberger Ansatz seit dem Jahr 2011 fünf Indikatoren eingesetzt, die die eingesetzten Mittel und Folgen eines Konfliktes messen. Um die von den Akteuren eingesetzten Mittel genauer zu bestimmen, werden die von ihnen verwendeten Waffen und die Anzahl des beteiligten Personals bestimmt. Die Dimension der Folgen eines Konfliktes wird anhand der Indikatoren Todesopfer, Flüchtlinge und Zerstörung der Infrastruktur erfasst. Jeder Indikator wird für jeden Monat und jede subnationale Einheit, in denen ein gewaltsamer Konflikt stattfindet, einzeln bestimmt und anhand von Schwellenwerten auf einer dreistufigen Ordinalskala bewertet. Zur Bestimmung der Gewaltintensität werden die Punktwerte stufenweise aggregiert. Genauere Angaben zum Verfahren und den Schwellenwerten können aus der unten aufgeführten Literatur entnommen (Schwank, Trinn, Wencker 2013) oder beim Autor direkt erfragt werden.

Die Unterschiede der gewaltsamen Konfliktstufen lassen sich wie folgt skizzieren: Gewaltsame Krisen sind Konflikte, in denen Gewalt auf vergleichsweise niedrigen Niveau ausgetragen wird. Das heißt, dass die fünf genannten Indikatoren in der Gesamtschau gering gewertet sind. Dies schließt jedoch nicht aus, dass einzelne Indikatoren dennoch hohe Werte erreichen. Ein mögliches Beispiel ist das Zünden einer Autobombe (hoher Indikatorenwert) durch einen Einzeltäter (geringer Wert) mit vergleichsweise geringen Folgen. Ein anderes Beispiel wäre das Erstürmen eines Dorfes durch eine kleine Rebellengruppe mit leichter Bewaffnung, bei der die Dorfbewohner zur Flucht gezwungen werden. Ein Beispiel für eine zwischenstaatliche gewaltsame Krise wäre, wenn Grenzpatrouillen aufeinander schießen und dabei einzelne Soldaten zu Tode kommen.

Um einen Konflikt als „begrenzten Krieg“ einzustufen, müssen in der Summe höhere Indikatorenwerte vorliegen. Hierunter fallen solche Konflikte, bei denen beispielsweise Rebellengruppen gegen staatliche Armeen kämpfen und dabei sowohl in der Dimension der eingesetzten Mittel als auch in jener der Konfliktfolgen höhere Werte als bei der gewaltsamen Krise erreichen. Die höchste Intensitätsstufe und das am seltensten empirisch zu beobachtende Phänomen ist der Krieg.

Diese Zusammenfassung konnte nur einen kleinen Einblick in die Methodik der Heidelberger Konfliktforschung gewähren. Weitgehend unberücksichtigt blieben hier die Aspekte der beteiligten Akteure, der Konfliktgegenstände und der spezifischen Maßnahmen. Für einem tieferen Einstieg sei hierfür noch einmal auf die unten aufgeführte Literatur verwiesen. Auch werden einzelne Aspekte in folgenden Newsletten aufgegriffen und vertieft. Hervorzuheben ist, dass eine der wesentlichen Merkmale des Heidelberger Ansatzes der Konfliktforschung in der Erfassung von Konfliktdynamiken besteht. Zudem werden durch den breiten Ansatz des Konfliktverständnisses viele jener Konflikte erfasst, die nicht das Äußerste der politischen Gewalt erfasst haben – und deshalb schnell in Vergessenheit geraten sind. In der Heidelberger Konfliktdatenbank CONIAS sind sie verzeichnet.

Dr. Nicolas Schwank, CONIAS Risk Intelligence

 

Weiterführende Literatur:

Schwank, Nicolas, Trinn, Christoph, Wencker, Thomas ( 2013): Der Heidelberger Ansatz der Konfliktdatenerfassung. In:  Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung 2 (1).32-63.

Schwank, Nicolas (2012): Konflikte, Krisen, Kriege. Eskalationsrisiken politischer Konflikte seit 1945. Baden - Baden: Nomos.

Schwank, Nicolas, Trinn, Christoph (2010):"Muster und Entwicklungstrends politischer Konflikte im Spiegel des Conflict Information System (CONIS) Heidelberg." In: Kein Feind in Sicht. Konfliktbilder und Bedrohungen der Zukunft, hrsg. von Walter Feichtinger und Anton Dengg. Wien: Böhlau. 65-87.

 

 

 

 
Gelesen 8001 mal Letzte Änderung am Freitag, 21 Februar 2014 13:52

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