geschrieben von  2014-02-26

Somalia: Grenzstreit zwischen Somaliland, Puntland und Khatumo

(8 Stimmen)

Im Norden Somalias bildeten sich innerhalb der letzten 20 Jahre drei regionale Regierungen heraus: Somaliland, Puntland und Khatumo erfüllen nun die Aufgaben der nur begrenzt funktionsfähigen Zentralregierung Somalias. Dabei erheben sie alle Anspruch auf die Regionen Sool, Sanaag und Cayn. Das vordergründige Ziel der Abspaltungen, den chaotischen Zuständen des Bürgerkrieges entgegenzuwirken und Stabilität für die Regionen zu erwirken, scheitert an der gewaltsamen Austragung des Territorialkonfliktes.

Ursprung des Konflikts und Entwicklung

Die traditionellen Medien berichten über Somalia überwiegend im Zusammenhang mit der Bekämpfung der militant-islamistischen Shabaab oder der Piraterie vor den Küsten Ostafrikas (zumindest bis vor kurzem). Die jüngere Geschichte Somalias ist indessen nicht nur von Staatszerfall geprägt, sondern auch von der Herausbildung autonomer Regionalregierungen. Drei Beispiele hierfür sind Somaliland, Puntland und Khatumo, deren Bevölkerung und Politik überwiegend durch Klan-Zugehörigkeiten bestimmt sind. Eine klare Zuschreibung des umstrittenen Territoriums gelang bisher allerdings nicht, alle drei beanspruchen weiterhin die Regionen Sool, Sanaag und Cayn (SSC) für sich. Dadurch wird eine Stabilisierung der Region verhindert und ein koordiniertes Vorgehen gegen gemeinsame Bedrohungen erschwert.

Unabhängigkeit innerhalb der Kolonialgrenzen

Der Nordwesten Somalias war bis 1906 britisches Protektorat und schloss sich nach seiner Unabhängigkeit mit dem ehemals italienischen Süden zusammen - weitere von Somali bewohnte Regionen außerhalb der Staatsgrenzen sollten ins Land geholt werden. Diese pan-somalische Ambitionen scheiterten allerdings endgültig mit dem Sturz Siad Barres 1991, infolgedessen der Süden des Landes im Bürgerkrieg versank. Innerhalb der Grenzen des ehemaligen britischen Protektorates allerdings erklärte Somaliland noch im selben Jahr seine Unabhängigkeit, um so den Wirren der Gewalt zu entgehen. Weder von Somalia noch international wurde die Abspaltung bisher anerkannt. Die Bevölkerung des De-facto-Staates besteht zu etwa drei Viertel aus Angehörigen des Isaaq-Klans, der Rest setzt sich aus Dir und Harti-Darod zusammen. Vertreter aller drei Klans sprachen sich im Zuge der Klan-Konferenzen für die Gründung Somalilands aus, die Angehörigen der Harti-Darod fühlten sich jedoch zunehmend marginalisiert. Das Verfassungsreferendum im Jahr 2001 entfiel eindeutig zugunsten Somalilands, wenn auch in den von Harti besiedelten Gebieten eine geringe Beteiligung verzeichnet wurde.

Somalischer Gliedstaat nach Klan-Zugehörigkeit

Im Nord-Osten Somalias etablierte sich 1998 die autonome Region Puntland, welche sich als Gliedstaat eines föderalen Somalia sieht. In Konsequenz negiert die Administration Puntlands die Unabhängigkeit Somalilands und ignoriert die ehemalige britisch-italienische Kolonialgrenze, anhand welcher Somaliland sein Territorium absteckt. Stattdessen sieht sie ihre westlichen Außengrenzen vom traditionellen Klan-Territorium der Harti-Darod bestimmt, deren Klan-Gebiet tief in das von Somaliland beanspruchte Gebiet hineinragt. Auch die Gründung Puntlands basiert auf Klan-Konferenzen, in welche Sub-Klans der Harti eingebunden waren, die in SSC leben.

Als Reaktion auf das Verfassungsreferendum Somalilands von 2001 entsandte Puntland Truppen in das umstrittene Gebiet. Um die bevorstehenden Regionalwahlen auch in Sool, Sanaag und Cayn zu ermöglichen, entsandte Somaliland im Jahr 2002 seinerseits Truppen. Letztlich wurden die Wahlen in SSC wegen Sicherheitsbedenken nicht durchgeführt. Es kam zu wiederholten Gefechten zwischen den rivalisierenden Parteien, wobei es Puntland Ende 2003 gelang Las Anod, die Hauptstadt von Sool, einzunehmen. Im Herbst 2004 erreichte der Konflikt ein neues Gewaltniveau, als bei Kämpfen 100 Menschen getötet wurden. Im Anschluss bemühten sich allerdings beide Regierungen, Provokationen zu unterlassen, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Erst im Herbst 2007 kam es neuerlich zu Gefechten bei Las Anod, vor welchen 50.000 Menschen aus der Region flohen. Somaliland konnte die Kontrolle über die umstrittenen Gebiete größtenteils zurückgewinnen, doch Puntland gab sein Vorhaben, die Kontrolle über die Gebiete zu erringen, nicht auf. Seit 2013 hat sich der Konflikt erheblich entspannt, es wurden keine neuen Kampfhandlungen gemeldet.

Selbstverwaltung als Teil eines geeinten Somalias

Die Loyalitäten der im Gebiet ansässigen Klans sind allerdings unklar. Einzelpersonen machen politische Karrieren teils mit wechselnden Loyalitäten und unter Klan-Familien finden sich Unterstützer beider Regionalregierungen. Viele Klan-Führer in den Regionen fühlten wiederum weder von Somaliland, noch von Puntland repräsentiert: Im Gegensatz zu den Isaaq fühlen sich viele Harti historisch nicht mit Britisch-Somaliland verbunden, sondern viel mehr mit der Derwish-Bewegung, welche den Kolonialherren erbitterten Widerstand leistete. Die mangelnde Identifikation mit Puntland ist unter anderem mit dem Vorwurf verbunden, die Führung Puntlands sei lediglich daran interessiert, ihre Machtbasis innerhalb Somalias zu erhalten und auszuweiten. Beiden Seiten wird vorgeworfen sie haben kein Interesse an der Entwicklung der betroffenen Regionen, sondern lediglich an den vermuteten Ölvorkommen in Sool und Sanaag.

Um den Konflikt zu beenden, wurde im Jahr 2007 der Staat Maakhir gegründet, welcher sich mit seinem Anschluss an Puntland allerdings bereits 2009 wieder auflöste. Anfang 2012 wurde auf dem verbleibenden Gebiet von SSC der autonome Staat Khatumo (Khaatumo State of Somalia) gegründet. Bereits wenige Tage nach der Autonomieerklärung kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Streitkräften Somalilands und Khatumos, nachdem somaliländische Truppen zwei Demonstranten verletzt hatten. Darüber hinaus kam es zu Anschlägen und Offensiven gegen Militäreinrichtungen. Bei schweren Gefechten um den Grenzort Buhodle wurden dutzende Menschen getötet, 6.000 flohen aus der Region. Die politischen Führer beider Seiten versuchten durch Gespräche den Konflikt zu beenden, woraufhin die Kamphandlungen eingestellt wurden und Somaliland seine Truppen abzog. Doch bereits Ende des Jahres kam es infolge der Regionalwahlen Somalilands wiederum zu Kampfhandlungen. Nach vereinzelten Zusammenstößen nahm die Intensität und Häufigkeit der Gefechte im letzten Jahr ab, von einem Ende des Konfliktes kann bisher hingegen keine Rede sein.

Im Zentrum des Konfliktes stehen die zukünftige Bedeutung der Klans für die Konstituierung der politischen Gemeinschaft, aber auch die eigentliche Frage nach der Zukunft Somalias – Einheit, Föderation oder Spaltung.

 

Autorin: Natascha Pongratz, Forum für internationale Sicherheit Heidelberg

Gelesen 4936 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:36

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