geschrieben von  2014-03-11

Demokratische Republik Kongo: Die Miliz Raia Mutomboki

(7 Stimmen)

Seit Mitte des Jahres 2011 breitete sich eine bis dato kaum bekannte Miliz im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC) aus. Obwohl diese Miliz eine verheerende Wirkung auf die ländliche Bevölkerung hatte, wurde sie kaum in den nationalen und internationalen Medien erwähnt. Ursprünglich gründete sich die Miliz Raia Mutomboki („wütende Bürger“ auf Kisuaheli) als bewaffnete Selbstverteidigungsgruppe gegen die Forces Démocratiques pour la Libération du Rwanda (FDLR), eine bewaffnete Gruppe, die aus den extremistischen Interahamwe hervorging, die für den Genozid in Ruanda verantwortlich waren. Raia Mutomboki (RM) breitete sich ab 2011 sehr schnell in der Provinz Sud Kivu aus und drang sogar bis in südliche Distrikte der Provinz Nord Kivu vor. Die Selbstverteidigung artete in einen blutigen Streifzug aus, 2012 und 2013 massakrierten die Raia Mutomboki Hunderte von kongolesischen Zivilisten, meistens Hutu.

Wenn man Nachrichten über die DRC liest, geht es um scheinbar willkürliche Gewalt – Rebellengruppen bekriegen sich gegenseitig im dichten Dschungel, rekrutieren Kindersoldaten, vergewaltigen und massakrieren Zivilisten. Anhand des Beispiels der RM kann aufgezeigt werden, wie sich solche Konflikte im politischen Klima der DRC überhaupt entwickeln können. Obwohl es bei vielen Konflikten zwischen bewaffneten Gruppen und dem Staat um Ressourcen wie Coltan oder Gold geht, sind die Kämpfe ein Symptom von schwerwiegenden ökonomischen und sozialen Missständen, die nicht vom politischen System aufgenommen werden. Die DRC hat keine glaubwürdigen politischen Institutionen vorzuweisen, weder national noch lokal, der modus operandi ist daher nicht Diskussion und Kompromiss, sondern Gewalt. Der kongolesische Staat ist schwach und der einzige Weg, sich selbst und seine Gemeinschaft zu schützen, ist selbst zu den Waffen zu greifen. Hass gegenüber anderen ethnischen Gruppen ist in einigen Gemeinschaften tief verwurzelt. Milizen und politische Parteien, die oft Hand in Hand gehen, mobilisieren die Bevölkerung entlang ethnischer Konfliktlinien und vertiefen so die stereotype Wahrnehmung von „Feinden“.

Geburt der Raia Mutomboki

Zum ersten Mal machten die RM kurz nach dem zweiten Kongokrieg auf sich aufmerksam. Während des Krieges setze die kongolesische Regierung mehrere Mayi-Mayi Milizen und die FDLR im Osten und Südosten der DRC ein, um den Vorstoß der RCD nach Kinshasa zu stoppen. Nach dem Abkommen von Pretoria 2002 sollten die verschiedenen bewaffneten Gruppen in die neue nationale Armee integriert werden – alle mit Ausnahme der FDLR, die als „ausländisch“ wahrgenommen wurde. In den drauffolgenden Jahren wurden viele Milizen in Integrationscamps abgezogen, was insbesondere Sud Kivu verwundbar ließ für die Angriffe von FDLR. Die FDLR sah sich vom kongolesischen Staat betrogen, schließlich hatten sie für ihn im Krieg gekämpft, wurden aber immer noch nicht geduldet. Sie rächten sich mit brutalen Attacken gegen die Bevölkerung, die nun zwecks Selbstverteidigung zu den Waffen griff – die RM waren geboren. Sie rekrutierten sich hauptsächlich aus jungen Männern der Rega Gemeinschaft, die vornehmlich im Distrikt Shabunda in Sud Kivu leben. Die Rega leben in einer recht flachen Hierarchie, diese Organisationsweise übertrug sich auch auf die bewaffneten Gruppen. Die dezentralisierte und lockere Funktionsweise sowie ihre patriotischen Appelle machten die Raia Mutomboki für viele junge Männer attraktiv. In den folgenden Jahren lieferten sie sich kleinere Scharmützel mit der FDLR und schafften es, die FDLR aus Shabunda zu vertreiben. Die internationale Gemeinschaft war jedoch ab 2005 hauptsächlich mit der CNDP-Rebellion beschäftigt, sodass über die Aktivitäten der RM zu dieser Zeit wenig bekannt ist.

2011 kommt es zu einer Remobilisierungswelle der Raia Mutomboki. 

Erst 2011 tauchte RM wieder auf, diesmal aber mit doppelter Wucht. Anfang 2011 verordnete Präsident Josheph Kabila eine Restrukturierung der Armee, vor allem, um parallele Kommandostrukturen und die Dominanz bestimmter Gruppen innerhalb der Armee zu brechen. Als die Regimenter in Camps abgezogen wurden, breitete sich die FDLR sehr schnell erneut in südlichen und westlichen Distrikten von Sud Kivu aus. Diese Entwicklung löste eine Remobilisierungswelle unter Raia Mutomboki aus: Bis Ende 2011 hatten sie die FDLR aus fast allen besetzten Gebieten vertrieben. Doch die RM hörten an dieser Stelle nicht auf, sondern drangen weiter in den Norden vor, zum Beispiel nach Bunyakiri in Sud Kivu und Masisi Distrikt, Nord Kivu. Die RM operierten in kleinen, oft unabhängigen Gruppen, die gegenseitig nicht in Kontakt standen . Es entwickelte sich ein Teufelskreis: sie attackierten die FDLR, die wiederum brutal zurückschlugen und so weitere Mobilisierungen in den betroffenen Dörfern auslösten.

Masisi als Brennpunkt der Gewalt

Die Raia Mutomboki kontrollierten nun die Gegend um Bunyakiri und es kam zunehmend zu Spannungen mit der Armee. In Masisi spitzte sich die Situation genauso zu: Dort leben seit jeher Gemeinschaften verschiedener Ethnien, kongolesische Hutu und Tutsi werden von den Tembo und Hunde Gemeinschaften jedoch als „Ausländer“ wahrgenommen . Masisi ist eine FDLR-Hochburg, und die dortigen Dorfgemeinschaften, meist Hutu, haben gelernt, sich mit der FDLR zu arrangieren. Raia Mutomboki beschuldigten Mitglieder der Hutu Gemeinschaften jedoch, mit der FDLR zu kollaborieren und metzelten ganze Dörfer nieder. Als Reaktion gründeten sich nun wiederum andere Milizen, die nun tatsächlich mit der FDLR gegen die Raia Mutomboki vorgingen. Zwischen April und September 2012 zum Beispiel fielen den Kämpfen zwischen den beiden Parteien und den Überfällen auf Zivilisten mindestens 264 Menschen zum Opfer, wobei die Dunkelziffer vermutlich weit höher ist. Am 5. Februar 2013 unterschrieben Hutu-Milizen und RM einen formellen Friedensvertrag, Kämpfe zwischen RM und FDLR sowie der Armee dauern jedoch weiter an.

Bewaffnete Gruppen in der DR Kongo als Symptom falscher Politik

Die Funktionslogik bewaffneter Gruppen in der DRC wird von der internationalen Gemeinschaft zu wenig verstanden.

Obwohl ihre Gräueltaten jenen der M23-Rebellion in nichts nachstehen, werden Raia Mutomboki von nationalen und internationalen Medien gleichermaßen schlicht ignoriert. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Funktionslogik bewaffneter Gruppen in der DRC von der internationalen Gemeinschaft immer noch nicht verstanden und deshalb auch nicht adressiert wird. Es wurde bisher vor allem eine formalistische Herangehensweise betrieben, die sich auf den Aufbau von Institutionen auf der nationalen Ebene stützt und oft die zugrunde liegenden Ursachen von Gewalt auf der lokalen Ebene nicht berücksichtigt. Das Ergebnis ist vielleicht die Befriedung urbaner Zentren, aber die ländliche Bevölkerung befindet sich oft im Zentrum schwelender Konflikte zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen.

Autorin: Fiona Byrne, Universität Heidelberg

Gelesen 4158 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:39

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