geschrieben von  2014-03-29

Niger: Al-Qaida im Islamischen Maghreb und andere islamistische Gruppen

(8 Stimmen)

Ein US-Soldat unterweist im April 2007 im Zuge einer Ausbildungsmission nigrische Soldaten in taktischen Handzeichen.

Niger ist geographisches Zentrum eines gegenwärtig von Gewalt gezeichneten Krisengebiets, inmitten dessen einzig das Land unter Präsident Mahamadou Issoufou den Eindruck von Stabilität und Sicherheit erweckt. Nigers fragile Umgebung zeigt sich insbesondere an den jüngeren Entwicklungen in drei seiner Nachbarstaaten: Libyen, Mali und Nigeria. Wenngleich diese nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf nigrische Angelegenheiten haben – man denke unter anderem an die hohen, nur mit ausländischer Unterstützung zu bewältigenden Flüchtlingszuströme –, fällt der Niger kaum in den Fokus medialer Aufmerksamkeit. Doch auch hier haben die gewaltsamen Aktivitäten islamistischer Gruppierungen in den vergangenen fünf Jahren bedenkliche Ausmaße angenommen, was nicht zuletzt mit der konfliktreichen nachbarstaatlichen Konstellation zusammenhängt.

Seit dem Sturz Muammar al-Gaddafis kämpfen regionale Milizen um die territoriale Kontrolle im Südwesten des nördlich an Niger angrenzenden Libyen. Auch den Norden Malis durchziehen zahlreiche, verzwickte Konfliktlinien. Die Nationale Bewegung zur Befreiung des Azawad (MNLA) kämpft um die Unabhängigkeit der nordmalischen Regionen Timbuktu, Gao und Kidal. Dabei fanden sie zeitweise Unterstützung durch islamistische Gruppen. Mit der erfolgreichen Unabhängigkeitserklärung des Azawad verdrängten allerdings die islamistischen Gruppierungen die Sezessionisten und bemühten sich um die Etablierung eines Scharia-Staates. Der nigerianische Staat sieht sich derweil mit der Bedrohung durch die grenznah operierende Islamistengruppe Boko Haram konfrontiert, die in den südöstlichen Regionen Nigers eigene Stützpunkte errichtet hat. Diese komplexe Gemengelage schürt Befürchtungen vor möglichen spillover-Effekten, die bisher lediglich punktuell auftraten.

Islamistische Gewaltakteure in Niger

Sowohl die anfänglich weitestgehend in Mali operierende Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO) als auch die Gruppe Blood Signatories, angeführt von Mokhtar Belmokhtar, erklärten den Niger zur Zielscheibe von Vergeltungsmaßnahmen für die nigrische Unterstützung der französischen Militärintervention in Mali. Beide Gruppen bekannten sich zu den Zwillingsanschlägen am 23. Mai 2013 in der Region Agadez im Norden Nigers, die insgesamt mindestens 25 Todesopfer forderten. Die Anschläge auf einen nigrischen Militärstützpunkt in Agadez und eine vom französischen Industrie-Konzern Areva betriebene Uranmine in Arlit wurden angeblich in den unregierten Landesteilen Libyens vorbereitet. Diese Anschläge deuten auf eine Verschiebung des Angriffsfokus islamistischer Gruppen hin.

Wenige Tage später, am 1. Juni 2013, brachen 22 Häftlinge gewaltsam aus dem Hauptgefängnis von Nigers Hauptstadt Niamey aus, nachdem es Berichten zufolge Unbekannten gelungen war, Waffen hineinzuschmuggeln. Bei den Feuergefechten während des Ausbruchs kamen vier Menschen ums Leben. Wenngleich nicht geklärt werden konnte, wer hinter dem Angriff steckte, so lässt sich doch sicher sagen, dass sich unter den Entkommenen Mitglieder von MUJAO und Boko Haram befinden. Noch im selben Monat ereigneten sich weitere Zwischenfälle, die – wenn auch nicht mehr so folgenreich – anzeigen, dass die Bedrohung durch islamistische Gewaltakteure nun endgültig Einzug in das nigrische Staatsgebiet gehalten hat. Vor allem die an Nigeria angrenzenden Gebiete der subnationalen Einheiten Diffa und Zinder sowie das Aïr-Hochgebirge in Agadez gelten neben den südwestlichen Teilen Libyens inzwischen als Zufluchtsorte für militante Islamisten. Zudem erscheinen finanzielle Rekrutierungsangebote attraktiv auf junge Männer – insbesondere angesichts der immensen Armut in den überwiegend ländlichen Regionen Nigers.

Am 22. August 2013 verkündeten MUJAO und Belmokhtars Blood Signatories ihren Zusammenschluss unter dem Namen Al-Murabitun. Die Gruppierung unter Belmokhtar ist als Ableger aus der Organisation al-Qaida des Islamischen Maghreb (AQIM) – einst: Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf – hervorgegangen. Diese sorgte in Niger Anfang 2009 erstmals nach ihrer Umbenennung für Schlagzeilen, indem sie sich für die Entführung zweier kanadischer UN Diplomaten im Dezember 2008 verantwortlich zeigte. Als Drahtzieher der Geiselnahmen gilt Belmokhtar, der sich nach Vorwürfen seitens der AQIM-Führung über ein zu niedriges Lösegeld von der Organisation lossagte. Hiernach gelang es AQIM immer wieder, insbesondere westliche Staatsangehörige in Geiselhaft zu nehmen, wobei es auch zu Toten kam. Ein Befreiungsversuch in Niamey im Januar 2011 endete für neun Menschen tödlich, darunter zwei französische Geiseln, vier Geiselnehmer und drei nigrische Soldaten.

Sicherheitsperspektiven und sozioökonomische Hintergründe

Die islamistischen Gruppierungen stellen den nigrischen Staat vor eine enorme Herausforderung.

Die islamistischen Gewaltakteure der Sahelzone stellen eine enorme Herausforderung für die nigrischen Behörden und Sicherheitskräfte dar. Als wesentlicher Unsicherheitsfaktor gelten insbesondere die nur schwer zu kontrollierenden und entsprechend porösen Grenzen nach Norden, Nordwesten und Südosten, da hier Ideen, Waffen und Dschihadisten beinahe problemlos zirkulieren können. Verschärfte Grenzkontrollen und gemeinsame Grenzpatrouillen mit Nachbarstaaten wie etwa Nigeria sollen grenzübergreifenden terroristischen Aktivitäten Einhalt gebieten. Zudem haben die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Militärpräsenz im Sahel deutlich erhöht: Im Frühjahr 2013 wurden 100 amerikanische Soldaten nahe Niamey stationiert, um unter anderem einen Drohnenstützpunkt zum Zwecke der Überwachung islamistischer Gruppen in den hügligen Grenzregionen zu errichten. Als ein Bestandteil der europäischen „Strategie für Sicherheit und Entwicklung im Sahel“ soll die im August 2012 eingesetzte EUCAP Sahel Mission binnen zwei Jahren einen nachhaltigen Kampf der nigrischen Sicherheitskräfte gegen Terrorismus und organisiertes Verbrechen vorantreiben, um die kritische Lage in der Sahelzone zumindest unter sicherheitstechnischen Gesichtspunkten zu stabilisieren.

Die Angriffe von Mai und Juni 2013, die vor dem Hintergrund der Konflikte in Nigers Nachbarstaaten – Libyen, Mali und Nigeria – zu sehen sind, zeichnen ein beunruhigendes Bild. Zudem bietet der Niger einen fruchtbaren Boden für radikale Fundamentalismen; der Staat ist sowohl auf dem Human Development Index als auch auf dem Multi-Dimensional Poverty Index letztplatziert und gilt entsprechend als eines der ärmsten Länder weltweit. Niger steht vor den Herausforderungen beträchtlicher Ernährungs- und medizinischer Unterversorgung einerseits und steigender Sicherheitsrisiken andererseits. Auf dieser Grundlage erweist es sich als höchst schwierig, ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Verteidigungs- und sozialstaatlichen Ausgaben zu finden, um die Interessen verschiedener Akteure – die der nigrischen Bevölkerung, des Militärs und ausländischer Investoren – zu befriedigen. Auch in Anbetracht dieses Spannungsfeldes ist die Virulenz nachbarstaatlicher Konflikte kaum zu überschätzen.

Autor: Jakob Schultz, Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)

Gelesen 5510 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:40

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