geschrieben von  2014-04-21

Der Konflikt um Berg-Karabach: Stillstand – zwischen Krieg und Frieden

(12 Stimmen)

In der Hauptstadt Karabachs gedenken die Einwohner in einem Museum der verschollenen Soldaten. Die abgebildete Direktorin ist selbst Mutter eines vermissten Soldaten.

Der geopolitische Terminus Südkaukasus umfasst die ehemals sowjetischen Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan sowie die sezessionistischen Regierungen von Abchasien, Südossetien und Berg-Karabach. Diese entlegene Region der Welt zählt zu den konfliktreichsten im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und wurde in den vergangenen 25 Jahren wiederholt Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen.

Der Konflikt um die Autonome Oblast (Bezeichnung für größere Verwaltungsbezirke in gewissen slawischen Ländern) Berg-Karabach ist der erste Sezessionskonflikt im Zuge des Zerfallsprozesses der Sowjetunion, der in einem Krieg eskalierte. Die hohen Opferzahlen des Krieges bescherten Berg-Karabach den Negativrekord, bis zum Waffenstillstand 1994 der bis dato verlustreichste der Sezessionskonflikte in der ehemaligen Sowjetunion gewesen zu sein. Außerdem wurde durch ihn der größte Exodus der ehemaligen UdSSR mit mehr als 500.000 aserbaidschanischen Flüchtlingen ausgelöst, was einer fast vollständigen ethnischen Homogenisierung des Gebiets entspricht. Obwohl der Konflikt weiterhin andauert und zahlreiche negative Folgen für die Region hat, ist er in der Erinnerung der Menschen außerhalb dieser Breitengrade und im politischen Zeitgeschehen nahezu in Vergessenheit geraten.

Der Berg-Karabach Konflikt: Ursprung, Krieg und Waffenstillstand

Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg kam es zwischen den Republiken Armenien und Aserbaidschan zum Krieg um die Grenzen der Regionen Berg-Karabach, Nachitschewan und Zangezur. Nach einer kurzen Zeit britischer Besatzung, eroberte Ende 1919 die sowjetische Armee Transkaukasien und gliederte das umstrittene Gebiet in den Machtbereich der UdSSR ein. Infolgedessen wurde 1923 die Autonome Oblast Berg-Karabach als Teil der Sozialistischen Sowjetrepublik Aserbaidschan gegründet. Zu dieser Zeit waren etwa 94% der Bevölkerung Karabachs Armenier. Mit Ausnahme einiger Demonstrationen in Armenien mit der Forderung nach der Wiedervereinigung Karabachs mit der Sozialistischen Sowjetrepublik Armenien, gab es bis in die 80er Jahre keine nennenswerten Ausschreitungen. Erst im Zuge der Glasnost- und Perestroika-Reformen von Michail Gorbatschow entstand in Armenien und Berg-Karabach eine beispiellose Protestbewegung mit dem Ziel der Wiedervereinigung.

Im Jahr 1988 beginnen erste ethnische Auseinandersetzungen in Karabach.

Die Volksabstimmung über den Beitritt der Autonomen Oblast Berg-Karabach zur SSR Armenien am 20. Februar 1988 gilt unter vielen Experten als offizieller Kriegsbeginn. Der allgemeine Vorwurf der Armenier lautete, dass in Karabach eine „Aserbaidschanisierung“ stattfinde, woraus eine drastischen Reduzierung der armenischen Bevölkerung resultiere. Der Vorschlag Berg-Karabach in die SSR Armenien einzugliedern führte zu erheblichen Protesten in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.
Bereits 1988 beginnen erste ethnische Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern in Karabach. Nachdem bei Ausschreitungen in der Stadt Askeran zwei junge Aserbaidschaner starben, kam es am 27. Februar 1988 zu einem Pogrom in der aserbaidschanischen Stadt Sumgait. Das Ereignis leitete zum einen den Beginn ethnisch motivierter Gewalt in der UdSSR ein, zum anderen gilt es als erster Höhepunkt im Konflikt um Berg-Karabach. Nach offiziellen Angaben kam es neben dem Tod von mindestens 31 Armeniern zu zahlreichen Vergewaltigungen und Verstümmelungen. In Folge der ethnisch-motivierten Gewalt flohen bereits bis September 1989 rund 180.000 Armenier aus Aserbaidschan und umgekehrt 100.000 Aserbaidschaner aus Armenien.

Als am 01. Dezember 1989 die Vereinigung von Berg-Karabach mit Armenien erklärt wurde, brach in Aserbaidschan eine Protestwelle los, in deren Folge es am 13. und 14. Januar 1990 in mehreren aserbaidschanischen Städten zu gewaltsamen Übergriffen auf armenische Mitbürger kam. Obwohl alle bis dato geführten Friedensgespräche zwischen den Konfliktparteien gescheitert waren, konnte die Konfliktintensität zwischen den beiden Sowjetrepubliken bis zum Zerfall der UdSSR in gewissem Maße eingedämmt werden.

In Folge der Unabhängigkeitserklärungen Armeniens und Aserbaidschans, erklärte auch die Republik Berg-Karabach am 3. September 1991 ihre Souveränität. Zur selben Zeit erkannte die Regierung Aserbaidschans die Autonomie von Berg-Karabach ab und integrierte die Region als Provinz in die unabhängige Republik Aserbaidschan. Mit der endgültigen Auflösung der UdSSR am 31. Dezember 1991 fielen die letzten Barrieren, die Armenien und Aserbaidschan bisher vor einem Krieg bewahrt hatten.

Die Gründung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten 1992 gilt als wichtiger Einflussfaktor für den Kriegsverlauf.

Ein wichtiger Einflussfaktor für den Kriegsverlauf war die Gründung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten im Februar 1992. Aus Angst vor einer türkischen Invasion, trat Armenien der GUS sofort bei. Im Zuge der Vereinbarung kollektiver Sicherheit innerhalb des Bündnisses erhielt Armenien und somit auch Berg-Karabach militärische Unterstützung und russische Truppen. Aserbaidschan hingegen lehnte einen Beitritt ab. Am 25. Februar 1992 ereignete sich in der Stadt Chodschali in Berg-Karabach ein Massaker, bei dem mehr als hundert aserbaidschanische Zivilisten von armenischen Militäreinheiten getötet wurden. Kurz darauf eroberten armenische Truppen zudem in Berg-Karabach die Stadt Schuschi. Diese zwei Ereignisse werden als ursächlich für den Rücktritt der aserbaidschanischen Regierung, die Machtergreifung durch die Volksfront-Partei des Aserbaidschan und die Neubildung der aserbaidschanische Regierung betrachtet. Trotz der militärischen Überlegenheit Aserbaidschans, gewannen die armenischen Einheiten rasch die Überhand und verzeichneten insgesamt viel weniger Verluste. Dies führte vor allem gegen Ende des Krieges zu einer zunehmenden Verwirrung und Verzweiflung in der aserbaidschanischen Armee. Ausdruck dieser Verzweiflung ist die Rekrutierung afghanischer Mujaheddin durch den aserbaidschanischen Präsidenten Heydar Aliyev. Im Oktober 1993 entschließt sich die Regierung Aserbaidschans zum GUS-Beitritt. Nach fast sechs Jahren gewaltsamer Auseinandersetzungen, traten im Mai 1994 unter russischer Vermittlung aserbaidschanische und armenische Diplomaten zusammen. Am 05.05.1994 konnte das sogenannte Bischkek-Protokoll unterzeichnet werden, welches einen provisorischen Waffenstillstand zwischen Armenien, der nicht anerkannten Republik Berg-Karabach und Aserbaidschan konstituierte.

Konfliktverlauf von 1994 - 2013

Nach Unterzeichnung des Waffenstillstands herrschte für lange Zeit Verhandlungsstillstand. Die Forderungen auf beiden Seiten blieben bestehen: Aserbaidschan verlangte die Rückgabe Berg-Karabachs und Armenien forderte dessen Unabhängigkeit. Zahlreiche Vermittlungsversuche durch die OSZE blieben ohne substantielle Fortschritte. In Folge des Kosovo-Krieges 1999, heizte sich die Situation erneut auf und es kam wiederholt zu Kriegsdrohungen. Die Armenier stellten den Fall Berg-Karabach in direkten Vergleich zum Kosovo und betonten, dass der Bevölkerung Karabachs nach dem Selbstbestimmungsrecht ebenso ein Austritt aus Aserbaidschan zuzuerkennen sei. Eine ähnliche Situation entstand 2008 im Zusammenhang mit den Gesprächen zum zukünftigen Status des Kosovo. Dabei drohte vor allem Russland damit, bei einer Nicht-Berücksichtigung seiner Interessen die offenen Territorialkonflikte in Transnistrien, Abchasien, Südossetien und Berg-Karabach neu zu bewerten.

Der Konflikt bildet auch heute noch eines der ungelösten Probleme des Kaukasus. 

Im Zuge der umstrittenen armenischen Präsidentschaftswahlen im März 2008 kam es zu zahlreichen Protesten in Eriwan. Die armenische Regierung befürchtete, dass Aserbaidschan die Unruhen auszunutzen versuchte und andersherum behauptete Aserbaidschan die armenische Führungselite wolle von den innenpolitischen Problemen ablenken. Infolgedessen ereigneten sich die schwersten Auseinandersetzungen an der Grenze zwischen Berg-Karabach und Aserbaidschan nach Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens 1994. Auch wenn die Präsidenten der beiden Länder im Sommer 2008, während des informellen GUS-Gipfels in Sankt Petersburg, versicherten den Konflikt friedlich und nach internationalem Recht lösen zu wollen, gab es seither kaum Fortschritte, sodass der Konflikt weiterhin eines der ungelösten Probleme des Kaukasus bildet.

Folgen des Konflikts

Der Krieg um Berg-Karabach wirft noch immer seine Schatten. Durch den ungelösten Konflikt blieben die Grenze zur Türkei und zu Aserbaidschan in den vergangenen 20 Jahren geschlossen, was zu einer starken Isolierung Armeniens und zu zahlreichen Transportschwierigkeiten für Wirtschaftsgüter führte. Die Republik Berg-Karabach ist ebenfalls abgeschirmt und lediglich über eine Zugangsstraße aus Armenien erreichbar. Der Konflikt bremst nicht nur die wirtschaftliche Integration und den Fortschritt der Region, sondern fügte Armenien Millionenverluste durch ausbleibende Öl- und Gas-Transitgebühren zu. Aserbaidschan auf der anderen Seite hat seit Kriegsende unnötig hohe Ausgaben für den Bau von Pipelines, die an Armenien vorbeiführen. Durch die anhaltend schlechte Wirtschaft in Armenien und die hohen Zusatzkosten in Aserbaidschan verhärten sich die Feindbilder zusätzlich.

Weiterführende Literatur:
Kipke, Rüdiger (2012): Das armenisch-aserbaidschanische Verhältnis und der Konflikt um Berg-Karabach, Wiesbaden.
Soghomonyan, Vahram (Hrsg.)( 2010): Lösungsansätze für Berg-Karabach/ Arzach. Selbstbestimmung und der Weg zur Anerkennung, Baden-Baden.

 

Autorin: Maria Langethal, Universität Heidelberg

Gelesen 5675 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 April 2014 16:42

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